Rezensionen

Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne

21. Juni 2017

Es liegt mehrere Wochen zurück, dass ich „Ich gebe dir die Sonne“ von Jandy Nelson gelesen habe. Seitdem geistert es mir immer wieder im Kopf herum. Kurze Momentaufnahmen blitzen auf, wie die Sonne, die sich einen Weg durch die Wolken bahnt. Während dem Lesen ist deutlich spürbar, dass viele Gegensätze aufeinanderprallen und so eine unvergleichbar schöne Geschichte entstehen lassen, die sich vom Mainstream abhebt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Die Zwillinge Jude und Noah könnten kaum unterschiedlicher sein. Eine Tatsache, die sich sogleich offenbart und nicht zu leugnen ist. Jude ist extrovertiert, lebhaft, manchmal frech und vor allem außerordentlich risikofreudig. Noah übernimmt den ruhigeren Part. Er ist eher introvertiert, verträumt, unauffällig und glänzt mit künstlerischem Talent. Außerdem ist er zum ersten Mal verliebt, in den Jungen von nebenan. Das und ein weiteres einschneidendes Erlebnis stellt die Welt der Geschwister von einem auf den nächsten Tag vollständig auf den Kopf. Ein schwerwiegender Wendepunkt in ihrem jungen Leben, der alles verändert. Jude zieht sich immer stärker zurück. Noah lässt seinen Traum schleifen und scheint wie ausgewechselt. Besonders fatal ist die Auswirkung auf die Beziehung zwischen den beiden. Das enge Band bröckelt und durch den kontinuierlichen Wechsel zwischen der Zeit vor und nach dem Schicksalsschlag sowie die zwei Perspektiven, die einfließen, spürt der Leser wie verfahren die Situation tatsächlich ist.

In vielen Jugendbüchern nimmt eine vorhersehbare, monoton verlaufende Liebesgeschichte den entscheidenden Platz ein. Auch in „Ich gebe dir die Sonne“ ist es die Liebe, die alles miteinander verbindet, aber auf einer anspruchsvolleren, tiefsinnigeren Ebene. Unterstrichen wird das durch den unverwechselbaren Erzählstil der Autorin, der sich in den Gedankengängen und Charakterzügen der Protagonisten widerspiegelt. Scharfsinnig, dramatisch, schön und eindringlich wird die Welt von zwei jungen Menschen gezeichnet, die sich auf der Suche nach sich selbst befinden. Ein Weg, den wohl jeder automatisch geht und der viel bewirkt, aber manchmal nicht leicht zu gehen ist. All das macht es zu etwas, mit dem man sich identifizieren kann, das nachvollziehbar oder gar greifbar ist und die eigenen Gedanken durcheinander wirbelt. Ein Jugendroman, der mit seiner Einzigartigkeit und einer unbändigen Leidenschaft für die Kunst alles andere überstrahlt und dadurch lange in Erinnerung bleibt!

Ich gebe dir die Sonne – Jandy Nelson – cbt Verlag – ISBN: 978-3-570-16459-4

Allgemein, Leseliste

Eine Liste voller Bücher für 2017

5. Mai 2017

Es gibt Bücher, die möchte man schon seit Monaten oder gar Jahren lesen. Und es gibt Bücher, auf die man gerade erst aufmerksam wurde, die sich aber dermaßen ins Gedächtnis gebrannt haben, dass ihnen ein besonders wichtiger Stellenwert zusteht. Vor wenigen Tagen hat Mareike von Herzpotenzial einen Beitrag zum Thema Listenliebe veröffentlicht, der voll und ganz meinen Nerv und meine Meinung getroffen hat.

Continue Reading…

Lesetagebuch

Niah Finnik: Fuchsteufelsstill

21. April 2017

« 16.04.2017 » 

Juli teilt mit dem Leser all ihre Gedanken. Durch diese Erzählweise habe ich sofort das Gefühl, in den Strudel ihrer Gedankengänge abzutauchen. Ich erlebe hautnah, wie sie auf ihre Umwelt reagiert und bin dabei als ihr erster Tag in der psychiatrischen Einrichtung bevorsteht. Hier landet sie nach einem gescheiterten Suizidversuch, um sich ihren allgegenwärtigen Ängsten zu stellen. Wie sie von dieser einschneidenden, alles betreffenden Angst spricht, geht mir nahe und ich konfrontiere mich selbst automatisch mit den Fragen: Wovor habe ich Angst und was bedeutet Angst eigentlich? Welchen Stellenwert nimmt sie in meinem Leben ein? Außerdem spricht sie die Zerrissenheit an, die durch äußere, aber auch eigene Erwartungen an sich selbst, oft entsteht. Eine Zerrissenheit, die auch mir in manchen Momenten möglicherweise gar nicht so fremd ist.

Continue Reading…

Rezensionen

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

2. April 2017

Wie oft zerbricht man sich den Kopf darüber, was andere Menschen wohl denken? Und das bei vermutlich völlig Fremden. Wie oft macht man sich Sorgen, dass andere etwas Falsches über das eigene Verhalten denken könnten? Manchmal viel zu oft, ob bewusst oder unbewusst. Addie wirft all diese Bedenken über Bord und unternimmt etwas, das bei den Menschen aus ihrem näheren Umfeld für allerhand Gesprächsstoff sorgt und die Gerüchteküche ordentlich anheizt.

Continue Reading…