Rezensionen

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt

13. November 2016

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Alles zurücklassen. Einen Neuanfang wagen. Vergessen was war. Schauen was kommt. Mit diesem sehnsüchtigen Gefühl beginnt diese außergewöhnlich wunderbare Geschichte. Glass ist auf dem Weg von Amerika nach Deutschland, in der Hoffnung bei ihrer Schwester Unterschlupf zu finden. Diese hat sich dort am Rande eines Dorfes in einem Haus niedergelassen, das von ihr den bedeutungsvollen Namen Visible bekam. Glass ist noch nicht volljährig. Wäre das alles, dann wäre die Lage trotz der weiten Reise noch relativ unproblematisch. Da sie aber nicht nur sehr jung, sondern auch schwanger ist, gestaltet sich die Situation, in der sie sich befindet, wesentlich schwieriger.

All das wird nicht leichter durch die niederschmetternde Botschaft, dass ihre Schwester wenige Tage vor ihrer Ankunft tödlich verunglückte. Glücklicherweise erhält sie große Unterstützung von Tereza, die vom ortsansässigen Anwalt beauftragt wurde sich um das Anwesen zu kümmern und die später für sie und ihre Zwillinge Phil und Dianne zur wohl engsten und wichtigsten Freundin wird.

Eigentlich ist der Scheinwerfer in dieser Geschichte jedoch nicht auf Glass, sondern in erster Linie auf ihren Sohn Phil gerichtet. Nachdem anfangs also ein paar Worte dazu fallen, wie Glass und ihre Kinder in dem kleinen Dorf mit den kleinen Leuten gelandet sind, schwenkt die Perspektive. Aus Sicht des 17-jährigen Phil erfahren wir nun, was es bedeutet, wenn man mit einer hin und wieder ausgeflippten, eigenwilligen Mutter und einer Schwester aufwächst, die sich mehr und mehr zurückzieht und von der Familie abzuwenden scheint. Und ebenso was es heißt, wenn einem langsam aber sicher klar wird, dass man nicht an Mädchen, sondern an Jungs viel größeres Interesse hat. Von Kindesbeinen an wissen Phil und Dianne wie es sich anfühlt, wenn man von den anderen Bewohnern des Dorfes schräg angeschaut wird. Wenn über einen getuschelt wird und unschöne Gerüchte über die eigene Mutter die Runde machen. Wenn man als Kind von anderen Gleichaltrigen gehänselt wird. Zu diesen alltäglichen Barrieren kommt schließlich noch die erste Liebe hinzu, die manchmal wunderschön und enttäuschend zugleich sein kann. Umso beeindruckender ist die Charakterstärke, die Phil an den Tag legt, die er selbst allerdings erst noch erkennen muss.

Steinhöfel unterstreicht mit der Darstellung der Geschehnisse nicht nur, dass es hin und wieder notwendig ist, sich gegen andere zu behaupten. Oder was für ein holpriger Weg es von der Kindheit bis zum Erwachsenwerden ist. Wie oft einem Steine in eben diesen Weg geworfen werden oder wie man dies manchmal selbst macht ohne es zu merken. Als viel wertvoller empfinde ich die Tatsache, dass der Autor dem Leser vor Augen führt, wie wahnsinnig (toll) es eben ist, wenn man nicht so ist wie die breite, durchschnittliche Masse. All die kleinen Leute, die sich der Mehrheit anpassen, weil es leichter ist. Menschen, die sich selbst, ihre Ansichten und ihre Lebensweise in Frage stellen oder viel zu häufig in den Hintergrund rücken oder gar vergessen. Dabei macht es doch viel mehr Spaß, wenn man auf sein Bauchgefühl hört und sich nicht ständig vorschreiben lässt, wie man sein Leben zu leben hat!

Die Mitte der Welt – Andreas Steinhöfel – Carlsen Verlag – TB – 480 Seiten – ISBN: 978-3-551-35315-3

Inga hat mich mit ihrem Buchtipp übrigens erst so richtig neugierig gemacht, worüber ich jetzt sehr froh bin. Weitere Bücher von Steinhöfel werden folgen und die Verfilmung von Die Mitte der Welt werde ich mir garantiert nicht entgehen lassen!

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2 Comments

  • Reply Inga 13. November 2016 at 19:17

    Ohh, ich freue mich so, dass es dir auch gefallen hat! <3 Ich werde auch auf jeden Fall noch in die Verfilmung gehen und freue mich schon sehr darauf – ich hoffe, ich schaffe es noch diesen Monat. Louis Hofmann, der den Phil spielt, hat es mir als Schauspieler so oder so schon angetan, der Film kann gar nicht schlecht sein.
    Viele Grüße!

    • Reply Juliana 13. November 2016 at 23:17

      Einen ähnlichen Gedanken hatte ich auch schon nachdem ich mir den Trailer des Films angeschaut habe 🙂 kenne ihn zwar erst seit dem Film „Das weiße Kaninchen“, aber da hat er in seiner Rolle auf jeden Fall großen Eindruck hinterlassen.

      Viele Grüße
      Juliana

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