Rezensionen

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten

21. Februar 2017

Rico, Oskar und die Tieferschatten dürfte sehr vielen Kindern ein Begriff sein. Ob aus dem Kino durch die gleichnamige Verfilmung oder von witzigen Lesestunden, auf beiden Wegen sorgen die beiden außergewöhnlichen Jungs nach wie vor für leuchtende Kinderaugen und große Begeisterung. Das Buch ist erstmals 2008 im Carlsen Verlag erschienen und hat es bis zur beliebten Lektüre im Schulunterricht geschafft. Zu diesem Zweck gibt es sogar Lernmaterial, welches im Unterricht, vorzugsweise in den Klassenstufen 5 bis 7, eingesetzt werden kann. Eine Internet-Plattform, die sich ausschließlich mit Kinderbüchern befasst, hat es damals kurz nach Erscheinen zum Kinderbuch des Monats gewählt und im darauffolgenden Jahr wurde die Geschichte mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Nachdem ich es nun gelesen habe kann ich mit fester Überzeugung bestätigen, dass all das mehr als verdient ist. Wer spannende Krimis mag und einen scharfsinnigen, einnehmenden Sinn für Sprache zu schätzen weiß, sollte jetzt unbedingt weiterlesen und anschließend die Nase ohne Umschweife in dieses liebenswerte Buch stecken.  

Rico ist ein besonderer Junge, der es gerade deshalb nicht gerade leicht hat. Ihm selbst ist bewusst, dass er manchmal für Gedankengänge etwas länger braucht oder schnell mal den roten, grünen oder blauen Faden verliert. Er schätzt sich daher selbst als tiefbegabtes Kind ein. Eine Aussage, für die ich ihn am liebsten in den Arm nehmen würde. Seine Mutter ist alleinerziehend und als Bardame tätig. Infolgedessen ist sie vor allem abends oder nachts nicht Zuhause  und tagsüber muss sie ihren Schlaf nachholen. Was nicht bedeutet, dass sie sich nicht um ihn sorgen würde. Sie möchte ihn so gut es geht für unsichere Situationen wappnen, vergisst aber im Alltag viel zu oft, dass er eben noch ein Kind und kein eigenständiger Erwachsener ist. Rico nutzt die freie Zeit häufig, um in dem Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnen, umherzustreifen. Stets auf der Suche nach einer Beschäftigung, die die herannahende Langeweile in Luft auflöst. In der Schule fehlt ihm nämlich der Anschluss. Seine Schusseligkeit ist aber auch der Grund dafür, dass er sich nie sehr weit vom gewohnten Umfeld, der Dieffenbachstraße in Berlin, entfernt. Viel zu groß ist die Angst unterwegs rechts mit links zu verwechseln oder in andere Situationen zu schlittern, die ihn aus dem Konzept bringen. Als sein Lehrer ihm für die Ferien die knifflige Aufgabe zuteilt, ein Tagebuch zu führen, springen die Kugeln in seinem Kopf erstmal wild durcheinander.

Anfangs weiß er gar nicht richtig was er schreiben soll. Es dauert jedoch nicht lange, da trifft Rico auf Oskar, einen ebenso, aber gleichzeitig auf vollkommen andere Weise, besonderen Jungen. Sein Kennzeichen ist nicht nur, dass er hochbegabt ist und über scheinbar unendlich viel Wissen verfügt, sondern auch, dass er das Haus grundsätzlich nicht ohne seinen Schutzhelm verlässt. Obwohl man nun meinen könnte, dass die beiden total gegensätzliche Charaktere sind, haben sie doch Gemeinsamkeiten, die mit der Zeit immer deutlicher zum Vorschein kommen. Beide sind einen Großteil ihrer Zeit auf sich gestellt. Beide schlagen sich tapfer, versuchen sich von ihren Ängsten nicht entmutigen zu lassen. Sie stecken voller Selbstironie und besitzen einen unvergleichlichen, spitzfindigen Humor. Ihren Mut müssen sie schließlich auch beweisen als sie plötzlich mitten in die Suche nach dem so genannten ALDI-Entführer verstrickt sind, der gerade in der Hauptstadt sein Unwesen treibt. Ein Kriminalfall, der sich nicht länger nur im Fernsehen, sondern direkt vor ihrer Haustür abzuspielen scheint.

Andreas Steinhöfel beweist mit jedem Satz, dass er sich wie kaum ein anderer in die Köpfe von Kindern hineinversetzen kann. Wortwitz, Schlagfertigkeit, Freundschaft und Toleranz wechseln sich ab und sind für mich die ausschlaggebenden Wörter, die im Zusammenhang mit Rico, Oskar und die Tieferschatten fallen müssen. Sie beschreiben, was ich während des Lesens empfunden habe, was ich auch Wochen danach noch mit dieser fabelhaften Geschichte in Verbindung bringe. Wichtig ist nicht, ob man tief- oder hochbegabt ist, sondern viel entscheidender ist das, was uns im Kern ausmacht, wie wir zu uns stehen und wie wir aufeinander zugehen. Nämlich am besten ohne Vorurteile und stattdessen mit ganz viel Toleranz und Offenheit, die die außergewöhnlichsten Freundschaften entstehen lässt. Eine existenzielle Botschaft, die von zwei kleinen, eigenwilligen Helden auf wunderbarste und lustigste Weise verkörpert wird!

Rico, Oskar und die Tieferschatten – Andreas Steinhöfel – 224 Seiten – ISBN: 978-3-551-31029-3

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