Rezensionen

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

31. Januar 2017

In diesem, im mehrfachen Sinne, gewaltigen Werk von Hanya Yanagihara geht es um so vieles im Leben, das im Grunde nicht in Worte zu fassen ist. Wie vom Verlag angekündigt, verspüre ich das dringende Bedürfnis darüber zu reden und zu schreiben, finde im gleichen Augenblick aber nicht die passenden Worte, um auszudrücken, wovon es handelt oder was es mit mir gemacht hat. Vielleicht schrecke ich sogar etwas davor zurück, mich an den Laptop zu setzen. Starre anfangs auf die weisse Seite. Innerlich noch immer zutiefst betroffen von dem menschlichen Wunsch nach ein wenig Leben.

Jude, Willem, JB und Malcolm lernen sich zu Schulzeiten kennen. Ohne recht zu wissen, was sie genau zusammenführt, sind sie von da an durch ein enges Band miteinander verbunden. Es ist eine Freundschaft, die sie alle auf unterschiedlichste Art und Weise durch ihr gesamtes Leben begleiten wird. Die Grenzen erreicht und darüber hinausgeht. In die Brüche zu gehen scheint und an unerwarterter Stelle noch weiter an Intensivität zunimmt. Im wesentlichen Bestandteilen basiert eine solche Freundschaft auf Vertrauen. Ein kontinuierliches Geben und Nehmen, Loyalität und Ehrlichkeit als Grundpfeiler.

Was ist aber, wenn sich einer im Freundeskreis anders verhält? Nicht in das gewohnte Schema passt. Viel ist es nicht, was Willem, JB und Malcolm über Jude wissen. Was seine Kindheit betrifft können sie lange Zeit lediglich Spekulationen anstellen. Wortwörtlich im Dunkeln tappen. Versuchen mehr herauszubekommen, um schließlich erneut auf eine Mauer des Schweigens zu treffen. Hakt man weiter nach, weil man mehr erfahren möchte oder nimmt man das oft abweisende Verhalten in Kauf, um sich stattdessen stärker auf die schönen Momente zu konzentrieren? Viel schlimmer und elementarer ist aber die Frage, wie man  reagiert, wenn der beste Freunde sich selbst auf schlimmste Weise Schmerzen zufügt. Um damit andere Schmerzen auszuschalten. Nicht die Kontrolle über Erinnerungen zu verlieren. Erlebnisse, die sich tief eingegraben haben, zumindest für eine gewisse Zeit zu vergessen, zu unterdrücken. In diesen Momenten habe ich als Leserin die gleiche schier unerträgliche Hilflosigkeit empfunden und habe gedanklich verzweifelt nach einer Lösung, einem Ausweg gesucht. Aber gibt es diesen Ausweg überhaupt? Ab wann ist es genug und wer entscheidet das?

Manche Bücher liest man nicht nur, man lebt sie. Ich kann mich nicht erinnern, wann gedruckte Buchstaben auf mich zuletzt so präsent, emotional und aufwühlend gewirkt haben. Anhand der Kindheit von Jude werden die grauenvollsten Abgründe menschlichen Seins Realität. Das Lesen dieser Geschichte geht eindeutig an die Substanz. Es hat mich tief getroffen. Zwischendurch musste ich es kurz auf die Seite legen, tief durchatmen und das zuvor Gelesene verarbeiten. Schließlich war ich an einem gewissen Punkt angelangt und stellte mir ernsthaft die Frage, ob ich es weiter ertrage oder besser aufhöre. Ein Gedanke an Jude und die anderen und die Frage war schnell beantwortet. Aufgeben gibt es nicht. Ich wollte diesen Weg unbedingt bis zum Ende gehen, egal wie es ausgeht. Denn auch im wahren Leben weicht man in schwereren Zeiten nicht voneinander, sondern ist füreinander da. Während des Lesens habe ich dieselbe Luft wie sie geatmet, in Gedanken die gleichen Schmerzen durchlitten, aber auch die unbändige Freude in glücklichen Zeiten gespürt und mich mit ihnen auf einer ganz eigenartigen, außergewöhnlichen Ebene verbunden gefühlt.  Es war und ist als würde ich sie alle wahrhaftig und persönlich kennen. Ihre Leben und meins sind automatisch ineinander übergegangen.

„Ein wenig Leben“ konfrontiert den Leser unverhohlen mit den schwärzesten Schattenseiten des Lebens, zeigt im gleichen Atemzug aber auch die Bedeutung von menschlichen Beziehungen auf. Die bedingungslose, innige Freundschaft zwischen Freunden, aber auch innerhalb von Familien. In diesem großen Roman wird nicht nur auf die Bewältigung und den Kampf mit schweren Traumata eingegangen, sondern auch die Kostbarkeit des Zusammenhalts zwischen Menschen bis ins kleinste Detail offengelegt. Für mich war es ein beängstigendes, in jeglicher Hinsicht wahrhaftiges und vor allem bereicherndes Leseerlebnis!

Ein wenig Leben – Hanya Yanagihara – 960 Seiten – ISBN: 978-3-446-25471-8

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