Rezensionen

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

2. April 2017

Wie oft zerbricht man sich den Kopf darüber, was andere Menschen wohl denken? Und das bei vermutlich völlig Fremden. Wie oft macht man sich Sorgen, dass andere etwas Falsches über das eigene Verhalten denken könnten? Manchmal viel zu oft, ob bewusst oder unbewusst. Addie wirft all diese Bedenken über Bord und unternimmt etwas, das bei den Menschen aus ihrem näheren Umfeld für allerhand Gesprächsstoff sorgt und die Gerüchteküche ordentlich anheizt.

Sie ist 70 Jahre alt und ihr Mann ist bereits verstorben. Die daraus resultierende Leere lastet schwer auf ihr. Vor allem in der Nacht fühlt sie sich von der Einsamkeit schier erdrückt. Daraufhin fasst sie den Entschluss, an der Tür von Louis zu klopfen und ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag zu machen. Louis wohnt in der Nachbarschaft und merkt insgeheim, dass das Alleinsein auch in seinem Leben zu viel Raum einnimmt. Als Addie plötzlich vor seiner Tür auftaucht und ihm von ihrer Idee erzählt, die Nächte gemeinsam zu verbringen und mit Gesprächen zu füllen, ist er zunächst überrumpelt und ein wenig skeptisch, lässt sich schließlich aber darauf ein.

Aufmerksam wurde ich auf diesen Roman letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Dort wurde er auf dem Bloggertreffen des Diogenes Verlages vorgestellt. Dass eine Frau all ihre Befürchtungen beiseite schiebt und ein solches Bedürfnis ausspricht, um der nächtlichen Leere zu entgehen, hat schnell meine Neugierde geweckt. Aber je mehr Seiten ich während des Lesens umblätterte, desto größer wurde meine Unzufriedenheit und desto mehr Fragen geisterten durch meinen Kopf. Fragen, die im Verlauf der Geschichte nicht wirklich beantwortet wurden. Wieso hat sich Addie ausgerechnet für Louise entschieden? Das wird zwar angeschnitten, meiner Ansicht nach aber bei weitem nicht ausreichend beantwortet. Die Begründung machte auf mich einen ziemlich unglaubwürdigen Eindruck, so wie einige andere Verhaltensweisen der Protagonisten. Ich hatte mir tiefsinnige Gespräche zwischen zwei Menschen erhofft und stattdessen die ganze Zeit das Gefühl, dass sich alles nur an der Oberfläche abspielt. Die nächtlichen Gespräche rücken ab einem bestimmten Ereignis deutlich in den Hintergrund. Aus diesem Grund konnte die Intensität, die der Geschichte mit Sicherheit gut getan hätte, nicht aufgebaut und meine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Neben den Kritikpunkten, die in diesem Fall leider überwiegen, ist mir die Botschaft, die sich hinter der Idee versteckt, positiv aufgefallen. Viele von uns könnten sich wahrscheinlich hin und wieder ein Beispiel an Addie und ihrer mutigen Haltung nehmen. Dazu zähle ich auch mich. Natürlich ist die Meinung anderer nicht absolut unwichtig. Gerade, wenn es um die, der eigenen Familie und Freunde geht. Das wird auch im Verlauf der Handlung spürbar. Dennoch erwische ich mich im Alltag häufig dabei, wie ich mich in einzelnen Situationen viel zu sehr auf das fixiere, was andere denken oder sagen könnten. Entscheidender ist jedoch auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen, zur eigenen Einstellung zu stehen oder einfach sich selbst treu zu bleiben!

Mich würde nun brennend interessieren, ob ihr das Buch schon gelesen habt. Hattet ihr ebenfalls das Gefühl, dass es kaum in die Tiefe geht und dass es sich aufgrund dessen am Ende nicht glaubwürdig anfühlt oder erging es euch beim Lesen möglicherweise ganz anders?

Unsere Seelen bei Nacht – Kent Haruf – Diogenes – ISBN: 978-3-257-06986-0

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