Rezensionen

Morten Brask: Das perfekte Leben des William Sidis

5. März 2017

Es kommt vor, dass in den Medien von Wunderkindern die Rede ist. Kinder, die der normalen Entwicklung weit voraus sind und auf bestimmten Gebieten außergewöhnliche Fähigkeiten an den Tag legen. Überdurchschnittliche Leistungen, die alle anderen Menschen in ihrem Umfeld oder gar die halbe Welt in ungläubiges Staunen versetzen. In diesem Zusammenhang stellt sich unweigerlich die Frage, wann etwas als normal oder unnormal eingestuft wird. Mit dem Wort „normal“ habe ich ein bisschen meine Probleme. Wird man in dieser Hinsicht nicht viel zu oft, viel zu schnell in Schubladen gesteckt? Und welche Faktoren sind entscheidend, wenn es um Hochbegabung geht?

Hinter sogenannten hochbegabten Kindern stehen nicht selten ehrgeizige Eltern. Ähnlich war es bei William Sidis, dessen Name mir zuvor völlig unbekannt war. In den Medien wird oder wurde auffallend wenig über ihn gesprochen. So mein Eindruck. Der dänische Schriftsteller Morten Brask hat sich seiner angenommen und aus zahlreichen Quellen Informationen über sein faszinierendes und leider viel zu kurzes Leben gesammelt. Dass Sidis der Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine war und 1898 in New York geboren wurde, sind nachweisbare Fakten. Ebenso ist die Rede davon, dass er bereits mit 18 Monaten Zeitung lesen konnte. Er sprach wenig später mehrere Sprachen. Sowohl die Grundschule als auch die Highschool lässt er schnell hinter sich. Mit 11 Jahren darf er an der Harvard University sein Studium aufnehmen. Wie ist all das möglich? Für den Verstand ist das kaum nachvollziehbar oder vorstellbar. Seine Eltern haben William von Anfang an wie einen Erwachsenen behandelt. Insbesondere der Vater war überzeugter Vertreter des frühkindlichen Lernens. Das staatliche Bildungssystem war ihm ein Dorn im Auge, da er der klaren Überzeugung war, Kinder könnten wesentlich mehr leisten, sofern sie entsprechend erzogen und gefördert werden.

Brask hat sich an vorhandenen Eckpunkten entlang gehangelt und diese mit seinen Gedankengängen weiter ausgeführt. Vielleicht auch gewisse Lücken, zu denen keine genauen Daten oder Informationen vorliegen, gefüllt. Aus dieser Verknüpfung von Realität und dem eigenen Vorstellungsvermögen ist ein Roman entstanden, der kaum tragischer sein könnte. Durch eine relativ kühle, sachliche Erzählweise schafft er es, dem eigentlichen Drama dieses kurzen Lebens die Schärfe zu nehmen. Und dennoch kann man es nicht leugnen. Als Leser merkt man wie William innerlich zerrissen ist. Diese Zerrissenheit zwischen dem Druck, der von seinen Eltern und der Öffentlichkeit ausgeübt wird, und dem dominierenden Wunsch nach einem schlichten, glücklichen Leben, nimmt mit dem Alter stetig zu.

Fazit


In Das perfekte Leben des William Sidis halten sich bekannte Fakten und persönliche Gedankengänge des Autors die Waage und schaffen so eine ganz spezielle Dynamik aus fesselndem Roman und Biografie. Der Leser begleitet den hochbegabten William Sidis von der Kindheit bis zu seinem viel zu frühen Tod. Brask lässt währenddessen unweigerlich eine elementare Frage mitschwingen: Was für ein Leben willst du führen, unabhängig von dem, was andere von dir erwarten? Mich hat vor allem die Definition eines perfekten Lebens, die William an einer Stelle äußert, berührt. Ein wichtiger Satz, der zusammenfasst, wie er sich wahrscheinlich die meiste Zeit fühlte, welche Vorstellung er möglicherweise vom Leben hatte. Denn schlussendlich sollte jeder Mensch selbst darüber bestimmten dürfen, was für ihn ein perfektes Leben ausmacht!

Das perfekte Leben des William Sidis – Morten Brask – Nagel & Kimche – ISBN: 978-3-312-01013-4

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