Lesetagebuch

Niah Finnik: Fuchsteufelsstill

21. April 2017

« 16.04.2017 » 

Juli teilt mit dem Leser all ihre Gedanken. Durch diese Erzählweise habe ich sofort das Gefühl, in den Strudel ihrer Gedankengänge abzutauchen. Ich erlebe hautnah, wie sie auf ihre Umwelt reagiert und bin dabei als ihr erster Tag in der psychiatrischen Einrichtung bevorsteht. Hier landet sie nach einem gescheiterten Suizidversuch, um sich ihren allgegenwärtigen Ängsten zu stellen. Wie sie von dieser einschneidenden, alles betreffenden Angst spricht, geht mir nahe und ich konfrontiere mich selbst automatisch mit den Fragen: Wovor habe ich Angst und was bedeutet Angst eigentlich? Welchen Stellenwert nimmt sie in meinem Leben ein? Außerdem spricht sie die Zerrissenheit an, die durch äußere, aber auch eigene Erwartungen an sich selbst, oft entsteht. Eine Zerrissenheit, die auch mir in manchen Momenten möglicherweise gar nicht so fremd ist.

Angst war auch nicht schlüssig, das war sie nie, denn das musste sie nicht sein. Sie konnte machen, was sie wollte.

« 17.04.2017 » 

Was für ein wunderbares, besonderes Buch! Niah Finnik beschreibt was passiert und löst damit auch in meinem Kopf eine Flut an Bildern aus. Da ich es gerade lediglich als eBook lese, spiele ich schon mit dem Gedanken, mir noch die gedruckte Version zu holen. Schon jetzt markiere ich alle paar Minuten einzelne Situationen mit Lesezeichen, würde diese Stellen aber viel lieber richtig dick mit Farbe anstreichen, um sie mir später immer und immer wieder vor Augen halten zu können. Mit dem Finger die Zeilen entlangfahren, mich ganz tief in dieser Geschichte vergraben.

 « 18.04.2017 » 

Vorhin in der Bahn völlig versunken. Gemeinsam mit Juli, Philipp und Sophie bin ich auf der Wiese gelegen und habe mich mit ihnen Richtung Norden treiben lassen. Ich sehe sie direkt vor meinem geistigen Auge und fühle das, was sie fühlen.

Die Denkweise von Juli ist mir überraschend schnell vertraut. Sie lässt mich heftig und zustimmend nicken und beschert mir einen neuen Blick auf die Welt, die eigentlich die gleiche und doch irgendwie ganz anders ist. Positiv anders. Ihre Ängste würde man ihr jedoch am liebsten abnehmen oder sie gleich im Wind zerstreuen.

Wer bestimmt was normal ist? Und wieso, verdammt nochmal, halten sich die meisten Menschen an die Norm, streben sogar regelrecht danach und richten ihr Leben daran aus? Wieso nicht hin und wieder aus dem langweiligen Trott ausbrechen und viel öfters auf das Bauchgefühl hören? Regeln brechen, die doch vielleicht gar keine sind oder sein müssten.

Es ist viel schwerer, jemanden davon zu überzeugen, normal zu sein, als jemanden davon zu überzeugen, dass man verrückt ist.

« 21.04.2017 » 

Gestern musste ich mich von Juli und den anderen beiden trennen. Ich stand an der Bushaltestelle in der Sonne und habe die letzten elektronischen Seiten umgeblättert. Ein kurzer Blick in die Liste meiner Lesezeichen verrät mir, dass ich insgesamt knapp 40 Stellen im eBook gekennzeichnet habe. Die möchte ich mir unbedingt noch im Buch selbst anstreichen oder mit Zettelchen markieren. Und überhaupt würde ich es am liebsten gleich nochmal lesen. Die Buchstaben tief einatmen und den Worten lauschen, die sich daraus zusammensetzen und außergewöhnlich schöne, wahre Gedanken formen. Eine intensive Geschichte, die mich staunen und innehalten lässt!

Wie hat euch „Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik gefallen? Für den Fall, dass ihr es noch nicht kennt: Lest es! 

Fuchsteufelsstill – Niah Finnik – Ullstein fünf – ISBN: 9783961010035

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