Rezensionen

Stefanie Gregg: Duft nach Weiss

6. Januar 2017

Über Bulgarien weiß ich nicht viel, muss ich gestehen. Eigentlich sogar fast nichts was die Geschichte des Landes oder die Kultur betrifft. Wie die Menschen dort genau leben oder in der Vergangenheit gelebt haben. Unter welchen sozialen und politischen Bedingungen. All das ist oder war mir bislang relativ fremd. Stefanie Gregg hat mir mit „Duft nach Weiss“ einen genaueren und vor allem unverfälschten Blick auf die dortigen Verhältnisse verschafft.

Ihre Protagonistin Anelija wächst dort im Kreise der engsten Familie auf. Eine Familie, die augenscheinlich stark von Frauen geprägt ist, denn sie wohnt zusammen mit ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter in einem kleinen Haus. Als Letztere sich eines Tages nach Deutschland absetzt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, bleibt Anelija zurück. Das ist jedoch nicht alles in diesem rasant erzählten Spannungsroman. Ein weiteres zentrales Augenmerk richtet sich auf den Schriftsteller Georgi Markow, der in seinen Werken öffentlich Kritik an der kommunistischen Regierung übt und hierzu klare Ansichten vertritt zu denen er eindeutig Position bezieht.

Nach den ersten Seiten konnte ich nicht anders und musste umgehend den Namen des regimekritischen Autors auf der Suche nach weiterführenden Informationen im Internet eingeben. Dieser Part der Geschichte ist nämlich nicht frei erfunden, sondern basiert in wesentlichen Teilen auf wahren Begebenheiten. In gewisser Weise auf knallharten Fakten, die einerseits rätselhaft bleiben und andererseits unleugbar stattgefunden haben. Markow wurde in der belgischen Hauptstadt Sofia geboren. Später lebte er in London, wo er schließlich mit 49 Jahren Opfer eines Mordanschlages wurde, dessen Umstände bis heute nicht vollständig geklärt sind.

Im Verlauf der Handlung offenbart sich, dass der Unterschied zwischen Deutschland und Bulgarien in ein einigen Punkten gravierend ist. Für Anelija ist Deutschland wie ein weißes Papier. Eine Metapher, die in der Geschichte häufiger auftaucht. Möglicherweise ist mit dem weißen Papier gemeint, dass es in diesem hoffnungsvollen Land mehr Platz für eigene Gedanken gibt. Für einen Neuanfang. Alles auf Null setzen. Dort kann man seine Meinung frei äußern, ohne Angst vor Verfolgung oder gar schlimmeren Konsequenzen. Sich frei bewegen. Selber entscheiden, welches Studium man wählt oder welchen Beruf man ausüben möchte. Anelija erlebt dies am eigenen Leib und durch die Geschehnisse rundum Markow wird diese Dringlichkeit zusätzlich verschärft und spürbar.

Zwei Lebensgeschichten werden hier miteinander vereint, die von dem mehr als berechtigten Wunsch und Bedürfnis nach einem freien Leben berichten. Politische Hintergründe, die gut recherchiert und durchleuchtet wirken, runden den aufschlussreichen und fesselnden Roman ab. Lesenswert!

Duft nach Weiss – Stefanie Gregg – 320 Seiten – Pendragon Verlag – ISBN: 978-3-86532-552-5

Eine weitere Rezension findet ihr hier bei Wortgestalt.

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